Das “Golden Age” des Radio
Valeria am Dienstag, den 1. November 2011Hallo … Welt da draußen. Hat euch auch das sich rasch verbreitende Halloween-Virus mit den sich daraus er
gebenden Symptomen wie Kürbisse aushöhlen und sich in Hexen- oder Vampierengewänder verkleiden infiziert? Gestern Nacht hat man in Deutschland inoffiziell „All Hallows Eve“ bzw. Halloween gehörig gefeiert. Hierzulande heißt das christliche Fest allerdings Allerheiligen und gilt nur in wenigen Bundesländern als Feiertag, wie beispielsweise Rheinland-Pfalz oder Bayern. In Hessen durften die Halloween-Gleichgesinnten erst nach dem Arbeitstag ausschweifend feiern, also laut vor der Tür des Nachbarhauses trällern und dafür die Belohnung in Form von „Süßem oder Saurem“ verlangen. Dies ist die eigentlich harmlose Seite der volkstümlichen Sitte. Ansonsten verbindet man damit Grusel, Spuke und allerlei Ungeheuer, die in der Nacht Unheil stiften. Ausgerechnet den Vorabend dieses berüchtigten Tages haben die CBS-Verantwortlichen vor 73 Jahren für die Erstausstrahlung des Hörspiels „War of the Worlds“ ausgewählt und haben mit der angeblichen Reportage über den Erdenangriff der Marsbewohner volens nolens die Massenpanik ausgelöst. Den Roman von Herbert Wells „Der Krieg der Welten“ inspirierte damals Orson Welles und seine New Yorker Theatergruppe Mercury Theater. An diesem Sonntag konnte man übrigens das brillante Spiel von Welles im Schwarz-Weiß-Klassiker aus dem Jahre 1949 „Der dritte Mann“ beim SWR genießen. Im Hörspiel erschien Welles als fingierter Professor-Astronom Richard Pierson aus Princeton, der jegliches Leben auf dem Planet Mars leugnete. Diese Annahmen konnten Millionen auf den Leim gelockte Zuhörer nicht wirklich überzeugen. Kurz vor dem Programmbeginn hat man das Hörspiel angekündigt, darauf folgten die Wetterprognose und das Konzert von Ramon Raquello (tatsächlich aber von Bernhard Herrmann) und seinem Orchester. Dann wurde das musikalische Programm plötzlich von „breaking news“ unterbrochen. Man hätte Explosionen auf dem Mars gesehen. Als ob es nicht genug wäre, berichtete ein
Fake-Reporter einige Minuten später von einem zylindrischen Meteoriten, der in New Jersey landete. Zu Tode erschrockene Zaungäste bekamen vermeintlich einen Marsbewohner mit Fangarmen kurz zu sehen. Der Zylinder hat sich dann in eine Maschine verwandelt, die die Menschenmasse mit „Heat Rays“ zerstörte. Die Außerirdischen entpuppten sich als echte Fieslinge und setzten ihre Feuerwaffe gnadenlos ein. Ein unbekannter Innenminister mit der nachgeahmten Stimme Roosevelts erklärte dann den Notstand. Die amerikanischen Bombenflugzeuge wurden laut Meldungen mit feindlichen „Heat Rays“ niedergebrannt. Die Menschen versuchten in Panik zu flüchten, wie ein anderer Reporter angeblich vom Dach des CBS-Gebäudes berichtete. Kurzum die Welt stand vor dem Abgrund. Die Fiktionalität der Reportage wurde allerdings anschließend wieder erwähnt. Dies hat aber nicht wirklich zur Klärung beigetragen. Denn man hat kurz danach den bereits bekannten Professor Pierson aus Princeton eingeschaltet, der dieses Mal die Folgen der Offensiven bildhaft schilderte. Folglich blieb der Wirrwarr nicht aus, obgleich Welles nach dem einstündigen Radioprogramm die Reportage über den Erdenangriff der Außerirdischen als eine Halloween-Neckerei entblößte. Das ist also mehr oder weniger eine Zusammenfassung des geschichtsträchtigen Hörspiels, welches offenbar gar nicht an Aktualität einbüßte. Man verewigte es nämlich als Theaterstück, was schon allein unvorstellbar vorkommt. Radio auf der Bühne? Wie ist das überhaupt möglich? Das so genannte Kryptonite Radio Theater aus Wiesbaden greift zur Radiogeschichte und zeigt das Radio-Machen in meisterhafter Weise, indem sie Audioeffekte visualisiert. Die kleine amerikanische Theatergruppe unter Leitung von Mat Braun entstand Ende 2010 und nahm sich vor, das „Golden Age“ des Radio auf die Bühne zu bringen. Das Hörspiel von Welles erzählten sie aus dem Herzen des fiktiven Senderstudios am 28. Oktober auf der kleinen, nahezu intimen Wiesbadener Theaterbühne namens Walhalla. Ich durfte die Premiere miterleben und war absolut fasziniert. Sieben phantastische Schauspieler schafften es, dem Publikum die vollkommene Authentizität nicht nur des Amerikas der 30er, sondern auch die von außerirdischen Invasionen zu vermitteln. Es war keine Vorführung der auswendig hergesagten Stichworte, es gab auch wenig eigentliches Agieren auf der Bühne. Es war das Radio hinter der Kulisse. Daher hat man den Zuschauern nichts vorenthalten. Fünf Männer teils mit Hosenträgern, teils in karierten Sakkos, zwei Frauen in puritanischen schwarzen Kleidern lasen ihre Rollen nach den Anweisungen des im Saal anwesenden Dirigenten (Regisseurs) vor. Das Septett funktionierte derart abgestimmt, dass man die Plausibilität des Geschehens mit geschlossenen Augen gar nicht zu bezweifeln vermochte. Die Vermittlung des Konzerts aus dem Park Plaza Hotel in New York unterbrach plötzlich die Meldung über Explosionen auf dem Mars. Den Rest kennt ihr bereits. Das intensive Drehen der Staubsaugerröhre in der Luft hörte sich tatsächlich nach einem fliegenden Ufo an. Und das heftige Schütteln von dem mit Glasscherben gefüllten Eimer vertonte den Einsturz der Gebäude. Allerdings war es im Gegensatz zu dem 1938 ausgestrahlten Hörspiel wahnsinnig lustig. Ich hoffe, dass das Radio Theater bald mit einem neuen Stück auftritt und ihr könnt noch die Aufführung eventuell im Frankfurter English Theater sehen.
Allzu wortkarg war ich heute doch nicht, aber es gab einfach so viel, worüber ich euch erzählen wollte. An der Stelle sage ich letztendlich „Tschüss“ und flitze nun zum Schokoladenfondue.
Liebe Grüße,
Eure Valeria.

„Mit Radio erreichen Sie immer die Richtigen. Radio. Geht ins Ohr. Bleibt im Kopf.“So lautet der Claim unserer aktuellen Imagekampagne pro Radio. Diese Schlüssel-Botschaft gilt nicht nur heute sondern auch ganz besonders in der konvergenten Medienwelt von morgen. 