Trendforscher
Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal einem Trendforscher begegnet sind. Wenn Sie sich nicht sicher sind, wahrscheinlich eher nicht. Denn so eine Begegnung vergisst man nicht so schnell. Ich für meinen Teil hatte in den letzten Monaten das Vergnügen, mich mit einer ganzen Handvoll Trendscouts, Zukunftsforschern, Future-Consultants, Think-Tank-Theoretikern und anderen gut bezahlten Studienschreibern zu beschäftigen. Glücklicherweise haben all diese Begenungen nacheinander und nicht gleichzeitig stattgefunden, so dass mir ein vorschnelles “Tilt” erspart blieb.
Trendforscher sind Menschen, die sich in der Regel mit der Zukunft der Gesellschaft und im speziellen Fall mit der Zukunft der Medien beschäftigen. Sie reden von Technology-Merge, Zielgruppenfragmentierung, webby Usability, postmateriellen Digital-Eliten und Schwarmwissen. Letzteres kennen wir alle: Wenn man einen Terminator trifft, sollte man ihn schleunigst in einen Bottich mit kochendem Stahl schubsen. Alle anderen mehr oder minder rätselhaften Ausdrücke sollen den Weg beschreiben, der uns dahin führt, dass der erste multimediale T2000 das Licht der Welt erblickt, um über eben jene die Herrschaft zu erringen.
Spannend wird’s eigentlich erst, wenn man alle diese aus Sekundärquellen und CATI-Interviews zusammengetragenen Weisheiten in einem 500 Seiten starken Berichtsband auf den Tisch geknallt bekommt. Da stehen dann solche Sätze wie: “TV- und Radionutzung werden durch die weitere Penetration mit breitbandigen Internetanschlussen in den nächsten Jahren einen tiefgreifenden Wandel erfahren.” Oder: “Der Konsument wird zum Nutzer, der sich aus der Lean Back-Position in die Rolle des Protagonisten in seiner interaktiven Medienwelt begibt.” Noch besser: “Die fortschreitende Fragmentierung der Zielgruppen, die letzten Endes zu einer Erosion des Mainstreams führt, und die anytime-anywhere-Mentalität gerade der jungen Bildungseliten gepaart mit der rasanten Entwicklung von Multichannel-Handheld-Receivern nötigt die klassischen Medienhäuser neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, die Personalisierung, dem Wunsch nach Zeitsouveränität und Interaktion sowie denkbaren neuen Abrechnungsmodellen Rechnung tragen.”
Unten rechts auf der beiliegenden Rechnung steht dann: 50.000 € netto, zzgl. 19% Mwst.
Mensch, was ein Schnäppchen. Ganz ehrlich:
1. Ich verstehe nicht, warum man Studien betreiben muss, um 500 Seiten Schwarmwissen anzuhäufen.
2. Es ist ja schön, wenn man sich in seinen Ansichten bestätigt fühlt, aber das kann ich beim abendlichen Bier auch gratis haben.
3. Wer erzählt mir denn jetzt eigentlich, welcher Content genau interaktiv und zeitsouverän genutzt wird? Ist es nicht nach wie vor die Qualität der Inhalte, die in jeder wie auch immer fragmentierten Gesellschaft über Erfolg und Misserfolg eines Angebots entscheidet? Wo nehmen wir neuerschlauten Zukunftsmarketeers die schmackhafte Füllung für all diese wohlklingenden aber fadschmeckenden Worthülsen her?
4. Mein Tipp als Hobby-Future-Consultant: Endlich wieder (oder wahlweise weiterhin) qualitativ hochwertigen, relevanten Content produzieren und alles wird gut. Der lässt sich dann nämlich auch vermarkten, weil er genutzt wird.
Tags: Content, interaktiv, Trendforscher, zeitsouverän, Zukunft
