Wenn Strahlen strömen
Jeder, der sich über die Zukunft unseres Lieblingsmediums Gedanken macht, kommt irgendwann zu dem Punkt, an dem er sich fragt, ob das, was in unseren Köpfen und im weltweiten Netz nach und nach Konturen annimmt, überhaupt noch guten Gewissens als Radio bezeichnet werden darf. Podcast, audio-on-demand-service, personal audio, online-jukebox, social music network, interactive webradio – Musikdienste im Internet haben viele Namen. Manchmal taucht das gute, alte, zweisilbige Radio sogar noch darin auf – zumindest in Kombination mit “Web” oder “Internet”. Ob das alles überhaupt noch was mit Hörfunk im herkömmlichen Sinne zu tun hat, lässt sich pauschal schwerlich beantworten. Nähern wir uns der Fragestellung jedoch von rein sprachlicher Seite, fällt uns die Lösung quasi in den Schoß:
Radio ist der Ablativus separativus singular des schönen lateinischen Wortes “radius” und beantwortet als solcher die Frage nach dem “woher”. Radio bedeutet also “von dem Strahl” und bezeichnet ein Gerät, mit dem man Rundfunksendungen empfangen kann. Unabhängig davon, dass man die Kiste korrekterweise “unda” benannt hätte, da wir Hörfunk im Volksmund ”von der Welle” und nicht etwa “von dem Strahl” empfangen, kann diese Bezeichnung für das, was wir in Zukunft mit den Ohren konsumieren, sicherlich nicht mehr zeitgemäß sein. Audio kommt demnächst entweder per Stream (engl. “Strom”) oder wird zur späteren Anwendung als MP3- Datei heruntergeladen. Hätten wir also bei der Namensfindung für das adäquate Empfangsgerät in altbewährter Manier die Lateiner und nicht die WWWeisen in Palo Alto konsultiert, hieße es heute schlicht “amni” (lat. “von dem Strom”) und nicht Windows Media-, Real-,Quicktime-Player oder gar iTunes.
Und so wird uns wieder einmal vor Augen geführt, dass das Internet vieles einfacher macht, aber sicher nicht die Sprache. Dem Hörfunk wird es indes egal sein, wie man ihn ruft. Podcast, Amni, Unda, Livestream – wie auch immer. Möglicherweise behält ja auch eine kleine Gruppe Potsdamer Propheten recht, und Radio heißt in Zukunft einfach nur Fritz.
clea
